Einst träumte Zhuang Zhou, dass er ein Schmetterling wurde, der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen. Dabei wusste er nicht, dass er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach, da war er Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiss man nicht, ob es Zhuang Zhou war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden. Es gibt aber gewiss zwischen Zhuang Zhou und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel“.aus Zhuang Zhi 369-868 v.Chr.

 

Seidenzart und Eisenhart

Ein bisschen Biographie 

Eine neue Welt (1979)

Zwei Jahre nach unserer Hochzeit hatten wir genug Geld zusammen um uns auf die grosse Kennenlern-Reise nach China zu begeben. Meine Mutter begleitete uns und so flogen wir zu Dritt nach Hongkong. Bei unserer Ankunft im Flughafen von Hongkong, wartete  mein Schwiegervater auf uns und ich flog ihm direkt in die Arme. Mein Schwiegervater war damals ca. 50 Jahre alt und sein Gesicht gezeichnet vom Leben. Er hatte drei verschiedene Jobs und zum Schlafen nur wenig Zeit. Die meiste Zeit verbrachte er in einer Fabrik wo Stoff gefärbt wurde, arbeitete danach noch in einer Schnapsfabrik, der dritte Arbeitsplatz war mir nicht bekannt. Erst sehr spät konnte er von China nach Hongkong ausreisen. Meine Schwiegermutter flüchtete bereits 1959 mit ihrer Tochter nach Hongkong. Einige Jahre danach flüchtete dann mein Mann, alleine und als 9-Jähriger mit dem Zug. Die Papiere bzw. sein Geburtsdatum waren gefälscht, so war und ist er sein ganzes Leben papiermässig um 3 Jahre jünger geblieben. Da stand er nun, mein Schwiegervater und wusste nicht wie ihm geschah. 1979 waren mir die Traditionen der Chinesen unbekannt. Ich wusste nicht, dass man seine Gefühle NIE zeigt. Mein Schwiegervater reichte seinem Sohn, nach so langer Zeit, nur die Hand zur Begrüssung und verzog dabei keine Miene. Ich war vorgewarnt und wusste nun wie ich mich zuhause bei der Schwiegermutter zu verhalten hatte. Meine Schwiegereltern wohnten, zusammen mit der Mutter meiner Schwiegermutter in Tsuen Wan.  Tsuen Wan ist eine Bucht in den New Territories von Hongkong.  

Die Mutter der Schwiegermutter war bereits ziemlich alt und hatte noch eingebundene Füsse (Lotusfüsse) und sie war eigentlich gar nicht die richtige Mutter. Zur Zeit der grossen Hungersnot, wurde meine Schwiegermutter von ihren Eltern verkauft, die Käuferin, war eben die alte Grossmutter mit den eingebundenen Füssen. Die Prozedur die zu Lotusfüssen führte, war langwierig und sehr schmerzhaft. Im Alter zwischen fünf und sieben Jahren begann man damit. Zunächst wurden die Füsse in eine Flüssigkeit aus Kräutern und Tierblut getaucht. Die Zehennägel wurden ganz kurz geschnitten, damit das Risiko des Einwachsens von Nägeln gemindert werden konnte. Nachdem man die Füsse massiert hatte, brach man die Zehen mit einem Stein und band sie ausser dem Grossen unter die Fusssohle. Alle zwei Tage wurden die Bandagen erneuert, damit sich der Fuss „formen“ konnte. 

 

Der Gebäudekomplex in welchem sie wohnten, sah aus, wie ein Spital. Es gab ca. 8 Stockwerke und ellenlange Gänge. Hinter jeder Gittertür verbarg sich  ein Zimmer mit einer kleinen Küche. Im Zimmer meiner Schwiegereltern,  welches insgesamt ca. 8 m2 gross war, gab es einen kleinen runden Tisch, zwei Stühle und einige Hocker sowie ein Hüttenbett bzw. zwei übereinander gestapelte Betten, Eines der Betten diente als Kleiderschrank. Zwei grosse Fotos hingen über dem Tisch, es waren Fotos von Ahnen, welche so verehrt wurden.  Unter den Fotos stand der Fernseher und auf dem Tisch lagen ein paar Zeitschriften. In der Küche gab es einen Gaskocher, ein Abwaschbecken und ein Rüstbrett. Alles war sehr einfach und spartanisch eingerichtet. Gab es Besuch faltete man einfach  die kleinen Hockstühle auseinander und so gab es Platz für mehrere Personen. Auch gab es ein grosses  rundes Brett, welches dann über den kleinen Tisch gelegt wurde. So hatte man eine grosse Fläche zum Essen. Darüber legte man Zeitungen, es gab keine Tischtücher, und das war praktisch, denn die kleinen Knöchelchen und Abfälle landeten direkt auf dem Papier und wurden dann mit diesem weggeworfen. Es kam viel Besuch, viele Verwandte und Freunde der Familie, alle wollten uns sehen. So lernte ich auch die Schwester sowie einen Onkel meines Ehemannes und andere Verwandte kennen, welche mit uns zuhause oder auswärts dinierten. Ein paar Tage später, kurz vor unserer Abreise nach China, besuchten wir zusammen  mit meiner Schwiegermutter, eine bekennende Buddhistin, den Tsuen Wan Tin Hau Temple Garden (荃灣天后廟 花園in Hongkong. Sie sagte: ich will mir dort Eure Zukunft voraussagen lassen und wissen ob Euch einen Sohn geschenkt wird“.

 

Ein paar Tage später machten wir uns per Zug auf den Weg  nach Guangzhou. Wir durchliefen die strenge Passkontrolle und trafen dann unerwartet  auf Deng Xiao Ping, den damaligen chinesischen Staatsführer, welcher gerade den amerikanischen Präsidenten Nixon  am Bahnhof abholte. Guangzhou liegt im Süden von China und ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong.  Die wunderbar grünen und bewässerten Felder beeindruckten uns. Die Bauern, mit ihren typischen, flachen Hüten,  arbeiteten hart auf den Reisfeldern Was für eine Arbeit, dachte ich, den ganzen Tag gebückt und mit den Füssen im Wasser. Wir fuhren zum Flughafen und warteten auf unser Flugzeug, welches uns nach Shanghai bringen sollte. Dort wurden wir von einem „Reisebegleiter“ (Geheimpolizei) abgeholt und ins Hotel gebracht. Damals war es nicht möglich in diesem noch verschlossenen Land alleine herumzureisen. Bereits vor unserer Abreise aus der Schweiz, mussten wir dem chinesischen Konsulat, einen genauen zeitlich festgelegten Plan vorweisen. Wir waren überrascht über das Luxushotel, mit dem Namen „Peace“. Heute, 2012, existiert es immer noch, ich habe es erst kürzlich anlässlich einer Fernsehsendung über Shanghai gesehen. Die Suiten waren so gross, und meine Mutter fragte, „Darf ich mit Euch zusammen in Eurem Wohnzimmer schlafen?“, sie fühlte sich nicht wohl in einem so grossen Raum. Schlafen war eher unmöglich, denn an das Hupen der Autos waren wir nicht gewöhnt. Am Fluss, in der Nähe unseres Hotels, gingen wir am anderen Tag spazieren. Wir wurden bestaunt und sobald wir stehen blieben, wurden wir von einer Menschenmasse umringt. Es fand sich immer jemand der Englisch oder Französisch sprach. „Woher kommen Sie und gefällt es Ihnen in Shanghai?“ wollten alle wissen. Shanghai hatte 1979, 11 Millionen Einwohner und die Menschen erzählten, „Wir arbeiten in drei Schichten, auch am Samstag, sogar am Sonntag. Ferien haben wir 7 Tage im Jahr. Eine Frau wird mit 50 Jahren, ein Mann mit 55 Jahren pensioniert“. Meine Mutter meinte, „Wie schön, mit 50 Jahren bereits pensioniert zu werden“. Aber das Leben in China war hart und wir sollten uns nicht von einem frühen Pensionsalter täuschen lassen. Am nächsten Tag trafen wir wiederum unseren „Reisebegleiter wieder,   welcher übrigens perfekt Deutsch sprach. Er hatte auf der Universität  in Beijing während drei Jahren Deutsch studiert.

 


Einhundert Tage

Nach chinesischem Glauben dauert die Zeit der Trauer 100 Tage. Sieben Tage nach dem Tod meines Schwiegervaters, würde die Seele des Verstorbenen wieder nach Hause zurückkehren. Das war die Überlieferung an die man sich hielt und glaubte.  Ausserhalb des Hauses wurde eine rote Plakette mit einer Inschrift platziert um zu gewährleisten, dass sich die Seele meines Schwiegervaters nicht verirren würde. An diesem Tag befanden wir uns alle im Raum, wo mein Schwiegervater mit seiner Frau gelebt hatte. Sie hatte einige seiner Lieblingskleider bereits auf das Bett gelegt und neben den Kleidern, eine Kerze gestellt. Wir beobachteten gespannt, ob sich die Flamme der Kerze bewegen würde. Sie musste sich bewegen, denn das hiesse, der Tote bzw. seine Seele wäre zurückgekehrt um dann wieder über den Eingang des Hauses oder der Wohnung, in sein eigene neues Totenreich verschwinden würde. Und die Flamme bewegte sich, der Schwiegervater flog hin zum Totenreich.


Reise ans Ende der Welt (2009)

Es war halb vier Uhr nachmittags. Der Flug von Budapest nach Beijing hatte 3 ½ Std. Verspätung. Die Flügel des Flugzeugesmussten erst noch enteist werden. Kurz vor Abflug in Kloten rief ich noch Lin, meine Tochter an. Wie gerne würde ich sie jetzt in die Arme nehmen um sie zu trösten, die Tochter mit der ich, wie mit einem unsichtbaren Band verbunden war. Der Abflug nahte, ich musste weitergehen und das war schwer. Weit weg war jetzt die Vorfreude auf China und ich kämpfte mit meinen Emotionen.  Meine letzte Reise nach China begann schon vor vielen Jahren, die Reise jetzt, nach Ürümqi aber (Provinz Xinjiang in Nord-West-China) vor etwa 3 Jahren. Ken, meine chinesische Freundin, wie bereits erwähnt, kam ursprünglich aus dieser Region, lernte ich anlässlich einer Weiterbildung in chinesischer Medizin kennen. Wie wir wissen, dreht sich das Rad des Lebens unaufhörlich weiter und es dreht sich immer nur vorwärts.

 

Endlich ging die Reise weiter. Der Flug nach Beijing sollte 9 Stunden dauern und es erwarteten mich dort 8 Stunden Aufenthalt im Transitbereich. Als ich endlich am Flughafen von Beijing ankam, war ich todmüde und konnte meine Augen fast nicht mehr aufhalten. An einem Stand kaufte ich etwas zu essen sowie eine chinesische Sim-Karte für mein Handy, telefonierte mit meiner in der Schweiz zurückgelassenen Tochter und dann, reiste ich irgendwann endlich weiter in Richtung Ürümqi. Das Erste was ich von dieser 2-Millionen-Stadt sah, waren die Berge die in der Sonne glänzten. Eine Bergkette, wunderbar scheinend im Licht der Sonne die aussahen wie die Schweizer Alpenkette. Aber  natürlich waren es nicht die Berge der Schweiz, sondern das Tian Shan Gebirge, welches die Provinz Xinjiang in zwei Teile teilt. Und dann sah ich einen Teil der Stadt Ürümqi, vor allem aber die wolkenden Schornsteine. Xinjiang ist das uigurisch autonome Gebiet der Volksrepublik China, liegt im Nordwesten von China an der alten Seidenstrasse und Ürümqi und ist die Hauptstadt dieser Provinz. Sie hatte ca. 2 Millionen Einwohner (hier gab es ca. 75 % Han-Chinesen, ca. 13 % Uiguren und viele andere Minderheiten wie Hui, Kasachen, Mandschuren, Mongolen, Kirgisen, Usbeken, Tartaren, Russen und sogar Koreaner. Auch ist diese Stadt die mit über 2000 km. am weitesten vom Meer entfernte Großstadt. Sie liegt am Nordfuss des Tianshan-Gebirges und an den Grenzen zur mongolischen Republik, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan und Indien. Es gab wichtige Industrien wie die Petrochemie, eine Eisen und Stahlindustrie, den grössten Windpark in China, welche die Windenergie in der Region etabliert und ausserhalb der Stadt wurde Kohle abgebaut. Der Kohlestaub manifestierte sich bald all-morgendlich auf dem Fenstersims vor meinem Zimmer.

 

Der Flughafen lag etwa 17 km. vom Stadtzentrum entfernt. Von hier aus flogen die meisten Leute nach Taschkent, Nowosibirsk oder nach Moskau, nach Almaty und Bischkek in Kasachstan. Wie Ken versprochen hatte, warteten am Flughafen zwei ihrer Freundinnen auf mich. Beide kamen ursprünglich aus Kasachstan und standen da mit einem weissen Papier auf dem der Name M a l i  stand. Sie begrüssten mich mit einem Lachen und schwenkenden Armen in der sich ein Foto meiner selbst befand, „So haben wir Dich erkannt“, meinten sie.  Ich dachte „Schwer war das ja nicht, denn es gab keine weitere „Blondine“ mehr an Bord“. 


Das ganz normale Leben

Es war Wochenende, Freitag-Nachmittag und ich fuhr mit dem Bus in die Stadt, vorbei an Massen von Menschen in farbigen Gewändern, an alten Leuten und Kindern mit Schlitzen in den Hosen (die Schlitze kannte ich von meiner ersten China-Reise, 1979. Man macht einen Schlitz in die Kinderhose, damit diese ihr Geschäft einfach und schnell erledigen können). Beim Busfahren entdeckte ich einen mit einem Strick an einen Baum angebundenen Stier inmitten des Trottoirs, Ich wunderte mich „was hat denn ein Stier inmitten in dieser Millionenstadt zu suchen?. Hinter ihm sah ich  dann seinen frisch geschlachteten Bruder, den Kopf vor die in Stücke geschnittenen Körperteile auf den Boden gestellt und alles wurde mir ganz klar.  Ich traf mich mit der Schwester von Ken, meiner chinesischen Freundin in der Schweiz,  in ihrer Wohnung, in einem Hochhaus inmitten der Stadt. Diese hatte für mich gekocht und viele verschiedene und wunderbare Gerichte standen auf dem Tisch. Schwieriger war es mit der aufgetischten Delikatesse, einem Käse. Er gilt bei den Kasachen als eine Spezialität und schmeckte irgendwie wie vergorene Milch. Das Huhn war Spitze und Schweizer würden sich freuen, denn in Xinjiang isst man sehr viele Kartoffeln. Auch der Mann der Schwester war da. Wir unterhielten uns mit Händen und Füssen, obwohl die Schwester ein wenig Englisch sprach. Nach dem Essen gingen wir alle  in ein riesigen Warenhaus mit 5-6 oder noch mehr Stockwerken, einkaufen. Auf jedem Stockwerk gab es bestimmt 30 Läden mit Kleidern. Ich kaufte mir einen Mantel und ein schwarzes Seidenkleid mit Schal. Müde und erledigt kam ich spät abends nach Hause. 

 

5. Juli

Es war eine vibrierende und aufgeregte Stimmung. Dann, um 22 Uhr, nach dem Pizzaessen,  auf dem Heimweg zu meinem Studentenzimmer sah ich noch mehr Menschenmengen. Einer der uigurischen Studenten erklärte mir mit bebender Stimme was geschehen war: Wir Studenten der Xinxiang Da Xue (Universität von Xinjiang) wollen friedlich protestieren.  In einer Fabrik in Shaoguan, in der südlichen Provinz Guangdong, sind 57 Uiguren (offiziell waren es 2 Uiguren) , aufgrund von Demonstration wegen ungleicher Zahlung von Löhnen zwischen Chinesen und Uiguren, getötet worden! .Es muss etwas geschehen!“ meinte er, Jetzt,  und bitte erzähle nach Deiner Rückkehr in die Schweiz, der ganzen europäischen Welt, welche Ungerechtigkeiten in China für die uigurische Minderheit , herrschen“! So begaben sich kurz, nachdem ich in mein Studentenzimmer zurück gekehrt war, eine grosse Masse von uigurischen Studenten auf den Weg, vorbei an der Wohnung meiner neuseeländischen Freundin, in Richtung Stadtzentrum, wo ich normalerweise auf dem Hauptplatz, zusammen mit anderen Chinesen, dem Tanzen im Kreis herum frönte. Ich hörte ihre lautstarken Rufe bis in mein Zimmer und die waren bestimmt einen halben Kilometer vom Campus entfernt. Es war zwar ein Rufen aber es klang wie ein Fussstampfen mit hundertausenden von Füssen und es war unheimlich. Bald darauf stieg das Internet aus. Ich war gerade am chatten über Skype mit Lin, dann folgte eine tiefe und unheimliche Ruhe, danach ging das Licht aus. Meine „Stieftochter“, Gulia, eine 20-jährige Nachbarsstudentin aus Kasachstan, welche für mich wie eine Tochter geworden war, stürmte voller Angst mein Zimmer, sie weinte und zitterte und hatte grosse Angst. Wir  verbrachten die ganze Nacht zusammen, schlafen konnten wir nicht. Etwas später hörten wir bereits Panzer anrollen und Schüsse, es dröhnte und krachte, es war Krieg! Meine neuseeländische Freundin erzählte mir später, dass die studentische Menschenmasse friedlich an ihrem Haus vorbeispaziert sei. Es kamen ca. 20 Militärfahrzeuge mit Sicherheitsleuten, welche Schnellfeuergewehre trugen und begannen, die Demonstrierenden zu stossen. Eine Frau wurde erschossen, sie starb auf der Stelle. Alles war chaotisch. Besonders im Stadtteil bei unserer Uni tobten die Gewaltausbrüche. Offiziell starben 197 Personen, davon waren viele Unschuldige. Aber auch Uiguren waren gewalttätig, man sah sie Autos und andere Sachen zertrümmern, Einige rannten von der Armee weg,  die Armee schoss ihnen in den Rücken als sie flohen. Später erzählte einer meiner  chinesischen Lehrer dass er sich aus einem Bus, mit dem er Richtung Stadt gefahren war , gerade noch in ein Hotel flüchten konnte. Seine Kleider waren voller Blut, denn einige Uiguren waren mit Stöcken in den Bus gekommen, um die Menschen darin Bus zu töten. Die Frau die neben meinem Lehrer sass, wurde erschlagen, er selbst konnte sich noch rechtzeitig aus dem Bus in Sicherheit bringen. Meine Freunde erzählten mir , von einer ihr bekannten Familie,  welche in der Stadt einen Kiosk unterhalten, dass deren 11-jährige Tochter während einer ganzen Woche auf der Toilette eines Polizeipostens angekettet, gefangen gehalten worden war und sie zuhören musste, wie andere weiblichen Gefangenen vergewaltigt wurden. Das Universitätsgelände wurde abgesperrt, vor dem Haupteingang brannten Autos sowie ein Panzer. Die Strassen waren voll mit Militär. Nur noch der Ton der durchfahrenden Panzer war zu hören. Während einer Woche durfte niemand das Gebäude verlassen, es war Ausgangssperre, und wir an der Uni verbliebenen Studenten verbrachten unsere Tage in unseren Zimmern mit Diskussionen über diesen Krieg. Von der Schulleitung wurden wir , nach einer Woche erst auf das Geschehene, informiert und als wir uns wieder etwas freier bewegen durften , kam die Hauptlehrerin ins Wohnheim um mitzuteilen, dass die Universität, insbesondere für Ausländer, geschlossen würde und Ausländer während der 2-monatigen Ferienzeit zwingend verreisen müssten. Das war ein Schock für mich, hatte ich doch alles geplant, meinen Aufenthalt in Ürümqi, das Praktikum im Spital. Nach 5 Tagen konnte ich mich also wieder vor die Tore der Universität begeben  und  traf dort endlich auch meinen Freund wieder. Er erzählte mir von seinen Freund, mit dem er und noch weiteren fünf anderen in einem Zimmer wohnte. Er sagte: „ Am Tag vorher war mein Freund, nachdem die Armee von uns uigurischen Studenten verlange, dass wir umgehend in unsere Dörfer zurückkehren müssen, zum Busbahnhof gegangen. Der Busbahnhof liegt ja in der Nähe unserer Universität.   Stell Dir vor, mein Freund wurde dort erschlagen. Abliz meinte, dass er wohl oder übel und in jedem Falle, nun auch nach Hause zurück kehren müsste. Sein Zuhause war Kuqa. Ich würde also nichts mehr von ihm hören, denn alle Telefonleitungen und natürlich auch alle Internetverbindungen waren seit Tagen gesperrt und würde es wohl noch lange bleiben. Nach einer Woche konnte man innerhalb der Stadt Ürümqi zwar wieder telefonieren, nicht aber in andere Provinzen, auch nicht aus anderen Provinzen nach Ürümqi. Die chinesische Regierung hatte die Einwohner eingeschlossen. Tausende von Personen wurden in dieser Zeit festgenommen und verhaftet. 

Photos von meinem Aufenthalt in ¨Ürümqi im Jahr 2009