Geschichten aus meinem Leben

(Auszüge aus meinem noch zu veröffentlichen Buch)

Der Mann fürs halbe Leben 

In London lerne ich meinen zukünftigen Ehemann kennen. Ein Chinese im Stil von Bruce Lee,  groß, gutaussehend, schwarze Haare und ein muskulöser Körper. Seit einigen Jahren ist er bereits in England. Er kommt aus Hongkong, wo er davor Meister im Taekwondo (eine koreanische Kampfkunst) geworden ist. Vor seinem Aufenthalt in London hat er Sicherheitsleute von Banken in Selbstverteidigung ausgebildet. Wir verbringen zwei Wochen zusammen, gehen auf Weihnachtspartys und sind sofort über beide Ohren verliebt. Als ich dann wieder in die Schweiz zurückkehre, teile ich meinen Eltern mit: «Ich habe den Mann fürs Leben gefunden». Die Trauung findet 3 Monate später statt. Alle sind schockiert, auch die Kantonspolizei Winterthur. Gleich nach unserem Aufgebot erhalte ich ihre Einladung. Sie führen mich in eines ihrer Zimmer im Bezirksgebäude in der Nähe des Spitals und schliessen mich darin ein. Einer der Kantonspolizisten versucht mich zu überreden, Kai-Tong nicht zu heiraten. Er postuliert: „Alle Asiaten sind Kriminelle und dein Zukünftiger heiratet dich  nur der Papiere wegen“.  Mir aber ist es egal wo wir heiraten und überhaupt diese Heirat ist eine Liebesheirat und keine Scheinehe. Es beeindruckt mich nicht,  als der Kantonspolizist mir nachäfft „Eine Arbeitsbewilligung in der Schweiz kann der vergessen“. 2 Wochen später hält mein Mann eine Arbeitsbewilligung in seinen Händen und durch die Bemühungen meines Bruders auch einen Arbeitsvertrag.


Eine neue Welt (1979)

Zwei Jahre nach unserer Hochzeit haben wir genügend Geld gespart um uns auf die große Reise nach China zu begeben. Meine Mutter begleitet uns und so fliegen wir zu Dritt nach Hongkong. Bei unserer Ankunft am Flughafen, wartet mein Schwiegervater auf uns. Ich fliege ihm direkt in die Arme. Mein Schwiegervater ist etwa 50 Jahre alt und sein Gesicht gezeichnet vom Leben. Er hat drei verschiedene Jobs und zum Schlafen nur wenig Zeit. Die meiste seiner Zeit verbringt er in einer Fabrik in der er Stoff färbt, arbeitet danach noch in einer Schnapsfabrik, der dritte Arbeitsplatz ist mir nicht bekannt. Wegen den politischen Verhältnissen, durfte er erst sehr spät aus China nach Hongkong ausreisen. Meine Schwiegermutter flüchtete bereits 20 Jahre früher, ca. 1959 zur Zeit der grossen letzten Hungersnot,  mit ihrer Tochter nach Hongkong. Einige Jahre danach auch mein Mann, damals neunjährig, ganz alleine mit dem Zug. Die Papiere meines Geliebten, nämlich sein Geburtsdatum, sind gefälscht, damit er überhaupt ausreisen durfte.  So war und ist er sein ganzes Leben papiermässig um 3 Jahre jünger geblieben. 


Da steht er nun, mein Schwiegervater und weiss nicht wie ihm geschieht. Damals  sind mir die Traditionen der Chinesen noch unbekannt. Ich habe keine Kenntnis davon,  dass man seine Gefühle immer bei sich behält und  nach aussen nicht zeigt. Mein Schwiegervater reicht seinem Sohn, nach so langer Zeit, die Hand zur Begrüßung und verzieht dabei keine Miene. Ich bin nun vorgewarnt und weiss sogleich Bescheid, wie ich mich im Haus der Schwiegermutter zu verhalten habe. Meine Schwiegereltern wohnen, zusammen mit der Mutter meiner Schwiegermutter in Tsuen Wan.  Tsuen Wan ist eine Bucht in den New Territories von Hongkong.   Die Stiefmutter meiner Schwiegermutter ist bereits ziemlich alt und hat eingebundene Füße (Lotusfüsse).  Sie ist eben nicht ihre leibliche Mutter. Meine Schwiegermutter wurde von ihren leiblichen Eltern wahrscheinlich im Jahr 1936 an die Stiefmutter verkauft. Damals gab es bittere Armut, Dürren und Überschwemmungen und diese Hungersnot forderte bis Ende der 20-er-Jahre Millionen von Opfern. 


Der Gebäudekomplex in welchem die Familie wohnt, sieht aus, wie ein Spital. Es gibt ca. 8 Stockwerke und ellenlange Gänge. Hinter jeder Gittertür verbirgt sich  ein Zimmer mit einer kleinen Küche. Im Zimmer meiner Schwiegereltern,  welches ca. 8 m2 groß ist, befindet sich ein kleiner runder Tisch, zwei Stühle und einige Hocker sowie ein Hochbett. Eines der Betten dient als Kleiderschrank. Zwei große Fotos hängen über dem Tisch, es sind Fotos der verstorbenen Ahnen, welche so verehrt werden.  Unter den Fotos steht der Fernseher und auf dem Tisch liegen ein paar Zeitschriften. In der Küche gibt es einen Gaskocher, ein Abwaschbecken und ein Rüstbrett. Alles ist sehr einfach und spartanisch eingerichtet. Hat man Besuch,  faltet man die kleinen Holzstühle auseinander, damit sich Platz für mehrere Personen bietet. Auch gibt es ein rundes Brett, welches dann über den kleinen Tisch gelegt wird. So hat man eine große Fläche zum Essen. Darüber legt man Zeitungen, es gibt keine Tischtücher, denn so ist es praktischer. Die kleinen Knöchelchen und Abfälle landen direkt auf dem Papier und werden dann mit diesem weggeworfen. Es kommt viel Besuch, Verwandte und Freunde der Familie, alle wollen uns sehen. Ein paar Tage später, kurz vor unserer Abreise aus Hongkong nach China, besuchen wir mit meiner Schwiegermutter, einer bekennenden Buddhistin, den Tsuen Wan Tin Hau Temple Garden (荃灣天后廟花園)in Hongkong. Sie meint: „Ich will mir dort Eure Zukunft voraussagen lassen und wissen ob Euch ein Sohn geschenkt wird“. Im Tempel bestätigen es die Mönche, „Es wird ein Sohn!“ 


Besuch im Chiu-Dorf

Einige Tage später nehmen wir, am frühen Morgen, den Zug von Hongkong in Richtung  Hangzhou, Hangzhou ist die Hauptstadt, der Provinz Zhejiang, welche an der Ostküste zum ostchinesischen Meer liegt.  Wir wollen das Dorf besuchen, in dem Kai-Tong aufgewachsen ist. Als wir die Schlangen von Menschen am Bahnhof sehen, wird uns Angst und bang. Aber als Ausländer werden wir bevorzugt behandelt. So holt uns eine Aufsichtsperson ab,  um uns zu unserem Abteil zu begleiten. Während der Fahrt sehen wir Frauen ihre Wäsche am Fluss waschen, in den Dörfern spazieren die Enten haufenweise herum und die Männer tragen ihre Lasten auf dem Rücken. Viele Menschen ziegen ihre Karren  mit allerlei Beladenem durch die Straßen. In einem Dorf machen wir Zwischenhalt und müssen ein paar Stunden warten, bis wir mit einem Bus weiterfahren können. So benutzen wir die Gelegenheit um uns in einem Restaurant zu verköstigen und Tee zu trinken. Das Restaurant hat etwa 50 Plätze. Essen können wir nicht, denn alle sind aufgestanden, um uns zu bestaunen. Einige meinen „Dieser Mann ist wohl eine Frau“, Kai-Tong (mein Mann)  hat für damalige, kommunistische Verhältnisse ziemlich lange Haare. Einige wollen meine blonden Haare und meine weiße Haut anfassen, eine Europäerin haben sie noch nie zu Gesicht bekommen. Alle sind sie neugierig aber freundlich. Mittels einer halsbrecherischen Busfahrt gelangen wir nach etwa drei Stunden in das Heimatdorf meines Mannes. Das Dorf hat nur einige hundert Einwohner und besteht aus alten Häusern inmitten vieler Reisfelder. Die Häuser, alle nach Süden ausgerichtet, sind weiß getüncht, aus Steinen erbaut und haben die typischen alten chinesischen  Dächer. Die Besonderheit ist der Hof, der von Mauern vollständig umgeben und nur durch eine Tür nach außen verbunden ist. Unsere mitgebrachten  Geschenke von jungen Männern auf langen Bambusstangen über ihrem Rücken ins Dorf getragen. Durch das Spalier der Dorfbewohner erreichen wir das Haus meines Schwagers. Sein Haus ist sehr groß. Es hat zwei Stockwerke. Überall stehen schöne, geschnitzte chinesische Möbel, welche, wie wir später erfahren, der Bruder selbst gezimmert und angefertigt hat. Im oberen Stockwerk darf ich mich mit meiner Mutter einquartieren. Im Zimmer steht ein großes Himmelbett, wegen der Mücken,  mit Tüllvorhängen umrandet. Mein Schwager hat für uns sogar einen Toilettenstuhl gebaut. „So müsst ihr  nicht in die Dorflatrine“ meine er“, was für meine Mutter und mich, ein Segen ist. Wollen wir nämlich, unser Geschäft in einer öffentlichen Toilette erledigen, ist dies fast unmöglich, denn alle wollen uns anschauen. Vielleicht denken sie, dass wir Guei Lo’s oder Geistermenschen (ein Begriff für Europäer mit der Bedeutung –geisterhafte, bleiche Person) von einem anderen Stern wären und unten etwas anders gestaltete Gliedmaßen hätten.


Die Küche meiner Schwägerin ist einfach und erinnert mich fast ein wenig an Großmutters Küche im Emmental. Auch dort gab es einen Holzofen, bei dem man hinten Holzscheite einbringen konnte. Anstatt einer normalen Pfanne, wie im Emmenthal,  steht auf dem Loch eben ein Wok. Während unseres Aufenthalts im „Chiu-Dorf“ ist mir immerfort schlecht. Ich bin schwanger, das weiss ich aber noch nicht. Meine Schwägerin brät jeden Morgen Spiegeleier für mich. Sie steht schon früh morgens in der Küche und kocht für die vielen Besucher. Schon bald nach dem Aufstehen kommen auch die Nachbarsfrauen mit ihren Kindern. Weil mir immer schlecht ist und ich Durchfall habe, organisiert mein Schwager einen Barfußarzt welcher mir  eine Infusion mit  Traubenzucker verpasst, die mir dann wieder ein wenig auf die Beine hilft. Der Barfußarzt wurde vom landwirtschaftlichen Kollektiv organisiert und finanziert. Er war ein Bauer, der nur einfache medizinische Zusatzdienste verrichtete. Meist hatte er lediglich eine dreimonatige Ausbildung im Krankenhaus des Landkreises und übernahm dann vor allem Aufgaben der Vorbeugung. Er (oder sie) war die erste Anlaufstation für die Bauern, wobei eine Versorgung mit Kräutern propagiert wurde. (Quelle: Wipkipedia)

 

Das Haus meines Schwagers ist jeden Abend voll mit Menschen aus dem Dorf sowie mit unseren vielen Verwandten, die von weit herkommen. Da Kai Tong vor einigen Jahren in Hongkong Meister im Taekwondo geworden war, wollen sie alle seine „Show-Einlagen“ erleben. Es gibt vieles zu besprechen, alle sind fröhlich und glücklich und wollen einen Blick auf die von weit her Gereisten erhaschen. Heizungen gibt es keine im Dorf, obwohl es im Winter recht kalt wird und Schnee fällt. Eine Woche ist schnell vorbei und es ist bereits wieder Zeit Abschied zu nehmen. Auch unsere Abreise ist ein riesiges Fest. Das ganze Dorf erscheint an der Bushaltestelle. Alte Männer mit langen Bärten, alte Frauen, Kinder mit ihren geschlitzten Hosen und alle  Familien des Dorfes. Da kommt schon der Bus, der uns wieder mit auf seine Reise nimmt, vorbei an Bauern, die ihrer Arbeit nachgehen. Nach einer 4 ½ stündigen Fahrt kommen wir wieder in Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang,  an. Neue und andere  Verwandte holen uns ab um uns mit Tee, Nüssen, Orangen, gedörrtem Gemüse und vielem mehr zu beschenken. Wir sind überwältigt von so viel Gastfreundschaft. Der Abschied von meinem Schwager fällt uns sehr schwer, wir wollen uns gar nicht mehr loslassen. Glücklich sind wir, als wir wieder in Hongkong ankommen, dort wo uns niemand mehr anstarrt und wir wieder bunte Kleider tragen dürfen. Das Einerlei hat uns doch sehr zugesetzt. Ich suche einen Arzt auf und er bestätigt meine Schwangerschaft mit einem positiven Schwangerschaftstest. Meine Schwiegermutter schenkt mir Ohrringe und einen Anhänger aus Jade. Jade ist der älteste Glücksstein der Welt. In frühen Zeiten war Jade begehrter als Gold. Jade ist gut für das Herz und verleiht Stärke. Nun bin ich gerüstet für die Zukunft.

 

Epilog meiner Mutter vom 12. Oktober 1979

China ist eine Reise wert und zwar vielleicht nur, um zu sehen, wie schön wir es im Vergleich zu den Menschen in China, in der Schweiz haben. Alle Menschen sind in dasselbe Blau gekleidet, keine einzige frohe Farbe, kein entblößter Arm, auch nicht im heißesten Sommer. Nur bei den Kindern gibt es farbige Ausnahmen. Viele Seen und Flüsse haben wir gesehen, aber nie wurde irgendwo gebadet. Die Menschen auf dem Lande leben hier wie vor 100 Jahren. Es gibt keine Maschine für die Bestellung der Felder, keine Pferde, keine Esel oder Kühe, rein gar nichts (mit wenigen Ausnahmen, in der Nähe der Stadt). Alle Arbeiten, auch die schwersten, werden von Hand ausgeführt. 3 Wochen China schlägt uns aufs Gemüt. Wir sind alle froh, in Beijing  ein ausländisches Hotel mit viel Komfort bewohnen zu dürfen. Was bleibt, ist unser schlechtes Gewissen gegenüber den Chinesen. 


Die Farbe der Trauer 

1989 stirbt mein Schwiegervater in Hongkong. Unsere ganze Familie, mein Ehemann, mein Sohn und meine Tochter unterdessen 13 und 9 Jahre alt fliegen nach Hongkong um an der Beerdigung teilzunehmen und meine Schwiegermutter zu unterstützen. Am Tag nach unserer Ankunft in Hongkong fahren wir in den Stadtteil von Hongkong, der für die Angelegenheiten der Verstorbenen zuständig ist. Dort gibt es allerlei Geschäfte mit Blumendekorationen, Särgen oder Kleidern, speziell nur für die Beerdigungszeremonie. Wir müssen weiße Schuhe anziehen und mein Schwager kommt zu spät, weil der Taxichauffeur ihn, wegen eben  seiner weißen Turnschuhe,  nicht mitnehmen will, das bringt Unglück. Weiss ist die Farbe der Trauer. Das Haus in welchem mein Schwiegervater aufgebahrt ist, hatte mehrere Stockwerke. Darin gibt es verschieden große Räume, in welchen die Leichen aus verschiedenen Glaubensrichtungen aufgebahrt sind. An den Wänden hängen mit chinesischen Zeichen bestickte Wolldecken, an den Seiten des Zimmers gibt es Stühle, welche für die Angehörigen reserviert sind, als Sitzgelegenheiten für die Trauernden, Verwandte und Freunde. Es ist uns nicht erlaubt ein Bad zu nehmen, noch die Nägel zu schneiden oder die Haare zu waschen bis die Trauerfeier vorbei ist. Ist man einmal in diesem Haus, darf man die Räume bis zur Wegschaffung des Toten am dritten Tag, nicht mehr verlassen. Auch das Essen wird extra in diesem Haus gekocht. Würde man sich hinausbegeben, brächte es Unglück für alle anderen. 

Der Körper meines Schwiegervaters ist nach seinem Tod gebadet, eingepudert und so für die Aufbahrung vorbereitet worden. Dann wird er in seine blauen Lieblingskleider und in seine schönste chinesische Seidenjacke gekleidet. Er soll etwas Besonderes tragen, wenn er durch das Jenseits bewegt wird. Eine schwarze Perle wird in seinen Mund gelegt um die Lebensgeister am Verlassen des Körpers zu hindern.  So liegt er da in seinem wunderbaren, handgeschnitzten Sarg aus einem speziellen und wertvollen, reichverzierten Holz. 

Wir alle, mein Ehemann der zweitälteste der Söhne und ich seine Frau, werden ganz in Weiß gekleidet. Unsere Kinder und ich tragen eine weiße Kapuze, mein Mann einen Reif um den Kopf mit zwei Zipfeln, sein Bruder, der Erstgeborene einen Reif mit einem Zipfel. Am Nachmittag kommen viele Verwandte und Freunde zu Besuch. Sie kondolieren meiner Schwiegermutter und uns. Am Abend und insbesondere in der Nacht, als alle anderen gegangen sind, bleiben wir mit unserer „Mutter“ im Raum zusammen mit dem toten Großvater, falten und verbrennen Papiergeld, damit er genügend Geld hat auf seiner Reise ins Jenseits. Das Ganze dauert zwei Nächte und 2 ½ Tage.  Am dritten Tag wird der Sarg, nicht bevor verschiedene andere Rituale durch buddhistische und konfuzianische Mönche abgehalten wird, zugenagelt (das bedeutet die Trennung der Toten von den Lebendigen), mit gelben und weißen heiligen Papieren geschmückt (um den Körper vor bösen Geistern zu schützen), mit dem Kopf nach vorne aus dem Saal getragen und in einen Bus geladen. Unsere ganze Familie begibt sich sodann zusammen mit dem Toten, in einem kleinen Bus in Richtung Süden, nach Guandong (südliche Provinz Chinas), wo mein Schwiegervater beerdigt werden soll. Wir tragen immer noch unsere weißen Kleider und die Kapuzen. Vor der Grenze zu China müssen wir uns unsere Privatkleider anziehen, denn in China ist es zu der Zeit nicht erlaubt, solche buddhistischen Zeremonien abzuhalten. Nach der Grenze ziehen wir wieder unseren weissen Kleider an. So kommen wir bei einem Friedhof, welcher an einem Hang und mit einer wunderbaren Sicht zum Meer liegt, an. Wir steigen aus, der Sarg wird ausgeladen.  Mein Mann erklärt mir: „Wir müssen unsere Blicke vom Sarg abwenden, um Unglück abzuwenden“. Der Sarg wird nun von sieben ausgesuchten Trägern (ein  Sargträger zu sein, verleiht dem Träger den Segen des Verstorbenen)  mit einem Stück Holz über den Achseln, welches gekoppelt ist mit dem Sarg,   den Kopf des Verstorbenen nach vorn gerichtet,  zu Grab getragen. Der Sarg darf auf keinen Fall abgestellt werden, bis er beim inzwischen ausgehobenen Grab angekommen ist“. Wenn doch,  gibt es ein großes Unglück“. 

Der älteste, dann der zweitälteste Sohn, dann die ganze restliche Familie, Verwandte und Freunde, alle mit einem Stück weißen Stoff bewaffnet, folgen nun den Trägern.  Der Sarg wird, während wir uns wieder alle abwenden müssen, in das Grab gesenkt. Vorher aber, richten die beiden Söhne den Kopf der Leiche so, dass sie ungehindert auf’s Meer blicken kann, damit einem Flug der Seele nichts im Wege steht. Die Familienmitglieder, zuerst die Söhne und dann die Frau des Verstorbenen (meine Schwiegermutter), dann alle anderen, werfen eine Handvoll Erde ins Grab, bevor es ganz mit Erde aufgefüllt wird. Weitere Räucherstäbchen werden angezündet und wiederum Papiergeld verbrannt. Darauf  löste sich die Trauergemeinde auf und wir fahren über die Grenze wieder nach Hause, in die Wohnung meiner Schwiegermutter in Hongkong.


Nach chinesischem Glauben dauert die Zeit der Trauer 100 Tage. Sieben Tage nach dem Tod meines Schwiegervaters, würde die Seele des Verstorbenen wieder nach Hause zurückkehren, deutet man. Das ist die Überlieferung an die man sich hält und glaubt.  Außerhalb des Hauses wird eine rote Plakette mit einer Inschrift platziert um zu gewährleisten, dass sich die Seele meines Schwiegervaters nicht verirren kann. An diesem Tag befinden wir uns alle im Raum, wo mein Schwiegervater mit seiner Frau gelebt hatte. Sie hat einige seiner Lieblingskleider bereits auf das Bett gelegt und neben den Kleidern, eine Kerze aufgestellt. Wir beobachten gespannt, ob sich die Flamme der Kerze bewegen würde. Sie muss sich bewegen, denn das hieße, der Tote bzw. seine Seele wäre zurückgekehrt um dann wieder über den Eingang des Hauses oder der Wohnung, in sein eigenes neues Totenreich zu verschwinden. Gott sei Dank, die Flamme bewegt sich. Mein Schwiegervater fliegt hin zum Totenreich.

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